Münchner Merkur, 1989
Osteuropäische Sphynx
Pinter, Müller und Celan im Münchner PEP

Drama und Gedicht, Pinter, Heiner Müller und Celan, Bühnen-Visionen aus Ost und West, polnische Pantomimen-Tradition im Arme-Leute-Theater, Absurdes ad absurdum geführt: Der Bulgare Ivan Stanev fügt alle seine Elemente zu einem in München so noch nicht gesehenen Abend (studiotheater im PEP in Neuperlach). Jeanette Spassowa spielt, ist die Frau, um die sich alles dreht.
Als jugendstilige Galionsfigur, Schmuck am männlichen Gefährt, reitet sie über die milde Wort-Gischt, in die Celans „Engführung”, von drei Darstellern gesprochen, zerstiebt. Vorerst nichts weiter als schöne Optik – von Stanev, dem Klängemacher und Bilderlieferanten.

Dann Pinters Stück „Betrogen”, als infam-schöne Kasperliade in lebensgroß und lebensnah – über den gewußten, geduldeten, mit in die Ehe hinein arrangierten Ehebruch. Wenn sie sich in ihren Guckkasten-Kämmerchen rechts und links treffen, Gattin, Ehemann und Geliebter die Männer auf englische Art die besten Sportsfreunde -, reden sie hinter vorgehaltenen Masken, aneinander vorbei im Sinne des Wortes. Und in der Rückwärtslesung der Ereignisse liegt das Ende der Affäre schon vorprogrammiert. Die Sinnlosigkeit außerehelicher Glückssuche weht einen todtraurig an. Jeanettes Spassowa gibt ihrer Nie-Geliebten einen osteuropäischen Sphinx-Charme. Hans Peter Trauschke spielt den Liebhaber als vergoldete Schablone mit gefühllos-wohlgesetzter Stimme. Gunnar Petersen zeigt uns groteske Varianten der gehörnten Gattung.

„Meine Frau”, sagt der Mann in Müllers „Gestern an einem sonnigen Nachmittag”, streckt ihr die Arme entgegen, automatenhaft, immer wieder. Stanev zerhackt das Poem. Verpflanzt die Bruch-Verse in die Körper seiner Akteure. Füllt das triste Bistro zwischen Paris, Casablanca und Sofia (sehr schöne Bühne vom Ensemble) mit einer Choreographie der nie erfüllten Gesten.

Malve Gradinger